Interview mit Marco Mittelstaedt (Regie und Buch) und Karen Matting (Buch)

Woher stammt die Idee zum Film „Jena Paradies“?
Karen Matting: Am Anfang stand für mich die Geschichte
einer Freundin. Diese Frau verliebte sich in ihren Nach-
barn. Sie war in ihrer Liebe so bedingungslos und verzweifelt,
dass sie – trotz dem sich der Mann längst von ihr abge-
wendet hatte – nicht von ihm lassen konnte. Mich berührte
diese fehlgeleitete Kraft, die sich auf das Klammern an eine
aussichtlose Leidenschaft fixierte.
Während der Entwicklung des Drehbuchs veränderte sich
die Geschichte und die Figur. Der Fokus richtete sich im-
mer mehr auf die ausschließliche Mutter-Sohn-Beziehung,
die aus dem Gleichgewicht geraten war.

Warum spielt der Film in Jena?
Karen Matting: Ich bin in einer kleinen Stadt in der Nieder-
lausitz aufgewachsen. Dort ist alles flach. Die Straßen
wurden einfach schnurgerade durch die Landschaft gelegt,
wie Bänder. Mit 16 begann ich eine Lehre bei Leipzig.
Dort traf ich auf zwei Mädchen – aus Jena. Wir besuchten
uns gegenseitig, so kam ich zum ersten Mal nach Jena.
Das eine Mädchen wohnte in einem alten Haus auf einem
Berg, von dem man über die ganze Stadt blicken konnte.
Ich fand das wunderschön und ganz besonders. Noch nie
hatte ich eine derartige Landschaft gesehen. Die weißen
Berge. Ich war sofort fasziniert.
Jeanette aus „Jena Paradies“ ist eine junge Frau, die von
ihren Gefühlen und Emotionen hin und her geschüttelt
wird. Sie durchlebt eine ständige Berg- und Talfahrt. Jena
und seine Umgebung schien mir ideal als Bild und Spieg-
lung für Jeanettes Charakter.

Wie gestaltete sich bei den Dreharbeiten die Zusam-
menarbeit mit den Jenaern?

Marco Mittelstaedt: Wir hatten ideale Bedingungen. Nicht
nur, weil der Sommer 2003 ein „Jahrhundertsommer“ mit
sechs Wochen Sonnenschein während der Dreharbeiten
war. Die Jenaer waren dem Projekt gegenüber sehr aufge-
schlossen und unterstützten uns, wo sie konnten. Besonders
die Verantwortlichen des „Ernst-Abbe-Sportfelds“
halfen und berieten uns. Wir durften auf allen Plätzen drehen,
das Flutlicht ein- und ausschalten und die Umkleide-
kabinen nach unseren Ideen umgestalten. Unsere Aus-
stattungsabteilung freute sich besonders, weil wir in den
Kellern und Schuppen des Geländes authentische Requi-
siten fanden und frei benutzen konnten. Ein riesiger Fundus.
Gewartet und gehortet über Jahrzehnte.
Außerdem hat eine komplette Jugendmannschaft für uns
vor der Kamera trainiert, wir durften den „heiligen Rasen“
unter Aufsicht eines Platzwarts aufreißen und wieder neu
verlegen, Tore verrücken, falsche Linien ziehen und Rasen-
sprenger kreisen lassen.
Für mich als Berliner ist das eine neue Erfahrung, denn
hier wird ja an allen Ecken gedreht. Viele Teams haben
schon verbrannte Erde hinterlassen und so manchen gut-
gläubigen Helfer enttäuscht. Wenn man da auf Anteilnahme
und Engagement bei der Berliner Bevölkerung, bei Firmen
oder Behörden hofft, trifft man als Filmemacher oft auf
viel Misstrauen und Ablehnung. Das war in Jena zum
Glück anders.
Ich bin stolz darauf, dass wir den vielen genannten und
ungenannten Helfern (und auch allen anderen) nun den
fertigen Film im Kino präsentieren können.

Ist „Jena Paradies“ der erste Film von Ihnen?
Marco Mittelstaedt: Es ist mein erster langer Film. An der
dffb (Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin) habe
ich versucht, den Freiraum der Filmhochschule zu nutzen,
um möglichst viel auszuprobieren. Ich habe als Kamera-
mann bei Filmen von anderen Studenten mitgewirkt, doku-
mentarische Übungen und kleine Spielfilme gedreht, habe
Drehbuchseminare belegt, viele Filme angeschaut und mit
den anderen diskutiert. Die Filmhochschule lässt den Stu-
denten Zeit, eine Haltung zum Filmemachen zu entwi-
ckeln. Am Ende eines Seminars muss man kein zu „ver-
kaufendes Produkt“ abliefern, sondern kann auch mal kre-
ative Umwege gehen, sich verlaufen und verheddern in
seiner Phantasie. Um dann vielleicht mehr zu ahnen, was
man will oder nicht will. Unser Direktor Reinhard Hauff
sprach immer von einem „kreativen Chaos“, das wir zulas-
sen sollten.
Ich hatte dann das Glück, dass sich ein Redakteur vom
ZDF für meine Kurzfilme interessierte und ich gemeinsam
mit der Autorin Karen Matting und der ZDF-Nachwuchs-
redaktion „Das kleine Fernsehspiel“ meinen ersten Spiel-
film entwickeln konnte. Heraus kam dann „Jena Paradies“
nach insgesamt dreijähriger Arbeit. Dass unser Film nun
ins Kino kommt, macht mich natürlich sehr glücklich.

Was kommt nach „Jena Paradies“?
An welchen Projekten arbeiten Sie gerade?

Marco Mittelstaedt: Es sieht so aus, als wenn ich beim ZDF
eine zweite Chance bekomme und wieder im Rahmen des
„kleinen Fernsehspiels“ einen Spielfilm entwickeln kann.
Das freut mich natürlich, denn nichts ist wichtiger für einen
jungen Regisseur, als eine kontinuierliche Arbeit, Betreu-
ung und Förderung. Ich möchte nicht jahrelang auf den
zweiten Film warten müssen und will dort anknüpfen, wo
ich bei „Jena Paradies“ aufgehört habe. Mir macht die Ar-
beit mit Team und Darstellern viel Spaß und ich will mich
hier natürlich auch weiter entwickeln können. Wenn alles
gut läuft, bekomme ich schon in diesem Jahr wieder die
Gelegenheit, einen Film zu machen.



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